Wo einst Gedenkfeier und Schauspiel stattfanden

Das römische Bühnentheater von Mogontiacum / Mainz
von Dr. Gerd Rupprecht

Mogontiacum, am nördlichen Rand des Imperium Romanum gelegen, bezieht seine Bedeutung aus der Verkehrsgunst des Rhein-Main-Gebietes. Gegenüber der Stadt mündet der Main in den Rhein, weshalb es nicht verwundert, daß Mogontiacum in den Germanienfeldzügen des Drusus Maior eine entscheidende Rolle spielte.

Militärische Querverschiebungen längs des Rheins (Rhenus) und Feldzüge mainaufwärts (Moenus) nach Osten, nach Germanien und dann bis zur Elbe (Albis) waren erfolgreich von Mogontiacum aus zu organisieren. Dementsprechend wurde hier ca. 13/12 v. Chr. ein Zweilegionenlager gegründet, das bis zur Mitte des 4. Jh. n. Chr. bestand. In dessen Umfeld entwickelte sich im 1. Jh. n.Chr. die Zivilstadt (canabae) Mogontiacum, die ab den 80er Jahren des 1. Jhs. n. Chr. zugleich zur Hauptstadt (caput provinciae) der Provinz Germania Superior aufstieg.

Drususstadt - Drususfeiern

In vier Feldzügen hatte Drusus Germanien vom Rhein bis zur Elbe dem Römischen Reich unterworfen, als er 9 v. Chr. auf dem Rückweg von der Elbe an den Rhein vom Pferd stürzte, sich den Schenkel brach und 30 Tage später, im Spätsommer, im Alter von 29 Jahren starb. Dem hochverehrten Feldherrn, der im Mausoleum des Augustus beigesetzt wurde, errichtete das Heer bei Mainz ein Ehrengrabmal (honorarius tumulus), besonders geschmückt mit einem von Augustus selbst verfaßten Elogium. Jährlich fanden in seinem Umfeld bis ins 3. Jh. n. Chr. Gedenkveranstaltungen statt: aufgrund einer Entscheidung der Legionen eine kultische Parade des Heeres (decursio militum) sowie auf Beschluß des gallischen Landtages (concilium) eine zivile Gedenkfeier (supplicatio) der Repräsentanten der 60 gallischen Gebietskörperschaften (Galliarum civitates). Hierfür wird das jetzt nach und nach freigelegte Bühnentheater der Versammlungsort gewesen sein, während die Parade im Umfeld des nur 340 m entfernten Drususmonumentes stattfand. Diese jährliche Zusammenkunft erhob Mogontiacum nicht nur zu einem erstrangigen Gedenkplatz - sondern machte die Stadt auch zu einem politischen "Wallfahrtsort" für Gallien und Germanien, an dem man jedes Jahr der gemeinsamen römischen Wurzel gedachte und die Erinnerung daran erneuerte:
Mogontiacum, die Drususstadt.

Weder die literarische Überlieferung noch Inschriften oder der bisher ergrabene archäologische Befund lassen sichere Aussagen zur Bauzeit des Theaters zu. Vielleicht ist zunächst von einem Holz-Erde-Bau auszugehen, bevor später dann der erste Steinbau errichtet wurde. Sicherlich bleiben wir damit noch in iulischer Zeit, genauso also wie bei der Errichtung des Drususmonumentes in Stein.

Entdeckt - Zugeschüttet - Vergessen

Beim Bau der Eisenbahn 1884 [mehr] traten zum ersten Mal in der Neuzeit Überreste des Theaters ans Tageslicht, mußten aber alle dem Gleisbau weichen (Abb.4, Abb.5, Abb.6).

Aquarell Peiskers
Abb. 4
Blick auf die Reihe von Stützpfeilern im nordwestlichen Cavea-Sektor vor ihrem Abbruch 1884 anläßlich des Geleisebaus.
Szizze des Grundrisses
Abb. 5
Erste Veröffentlichung des Theatergrundrisses nach den Beobachtungen und Grabungen 1884, 1914 und 1916.
Quer- und Längsschnitt
Abb. 6
Schnitt durch die westliche Parodos-Mauer vor dem Abbruch 1884.
Lageplan des römischen Theaters
Abb. 1
Lageplan des römischen Theaters und der benachbarten römischen Bauwerke, Straßen und Friedhöfe sowie der mittelalterlichen Bauten.
Auch kam die Idee der Zugehörigkeit dieser Baureste zu einem römischen Theater noch nicht auf. Erst 30 Jahre später - anläßlich der Beobachtung von Mauerresten in einem Kanalgraben [mehr] oberhalb der Eisenbahn - sprach der leitende Archäologe E. Neeb erstmals von einem Bühnentheater an dieser Stelle (Abb.1). 1916 gezogene, ergänzende Suchschnitte bestätigten die Theorie (Abb.5) [mehr]. Seitdem verzeichnete man bei einem rekonstruierten Cavea-Durchmesser von ca. 116 m und einer Bühnenbreite von ca. 42 m das größte Bühnentheater nördlich der Alpen, größer zudem als die vergleichbaren Bauten in Arausio/Orange und Arelate/Arles in Südfrankreich. Die Not der Weltkriegsjahre verhinderte weitere Ausgrabungen, es wurden sogar alle Mauerreste wieder zugeschüttet. Das Bühnentheater von Mogontiacum geriet nahezu in Vergessenheit, so daß eine vom Europarat 1995 in Straßburg herausgegebene "Europakarte der antiken Schauspielbauten" Mogontiacum/Mainz nicht verzeichnet.

Fachleute und Bürger

Die völlige Unsichtbarkeit und das vergessene Wissen von diesem Monumentalbau schien in den letzten Jahren bei stadtplanerischen Überlegungen eine Gefahr für den Erhalt der letzten Reste des Theaters darzustellen. Deshalb wurde nach zweijährigen Vorbereitungen von April bis September des Jahres 1999 ein erster Sektor des Bühnentheaters ausgegraben (Abb.2, Abb.3).

Grabungsgelände
Abb. 2
Blick über die Bahnsteige auf das Grabungsgelände im Hang.
[1999]
Tag des offenen Denkmals 1999
Abb. 3
Präsentation des Ausgrabungsergebnisses am Tag des offenen Denkmals 1999: Substruktionen im südöstlichen Cavea-Sektor.
Alle städtischen Dezernate, voran das Kulturdezernat, unterstützten dieses Vorhaben der Landesarchäologie Rheinland-Pfalz ideell und organisatorisch. Sponsoren, rund 1000 freiwillige Helfer und 25 Schulklassen gruben fachgerecht ca. 1600 m² Erdreich ab. Dabei entwickelte sich das Grabungsareal zum attraktiven außerschulischen Lernort, selbst wiederum mit Interesse von unzähligen Zaun(!)gästen beobachtet (Abb.3, Abb.7, Abb.11). Aus der großen Schar der ehrenamtlich tätigen Bürger erwuchs sogar ein kleiner Kreis von Helfern, die bis heute der Stadtarchäologie treu geblieben sind, stetig ihr Können und Wissen vermehren und eigentlich schon zum Stammpersonal gehören. In zwei Fallen kam es sogar zu einer beruflichen Neuorientierung. An zentraler Stelle des Projektes, für das leider kein eigener Etat geschaffen werden konnte, standen dem Landesarchäologen ein Techniker, eine Zeichnerin, zwei Auszubildende, ein Arbeiter und sechs Zivildienstleistende (vermehrt um zahlreiche Evocati) zur Seite. Für einen reibungslosen Einsatz der zahlreichen Helfer sorgte erfolgreich eine im Personalwesen erfahrene Koordinatorin.
Grabungsfläche
Abb. 11
Animation im Theater am Tag des offenen Denkmals 1999

Die Medien begleiteten das Unternehmen ausführlich und positiv. Alle Helfer erhielten zum Dank eigens dafür gefertigte Urkunden, Sponsoren und Spender persönlichen Dank. Am Tag des offenen Denkmals belohnten knapp 2000 Besucher die Ausgräber mit ihrem Interesse am geschaffenen Werk. Ein vielfältiges Programm bereicherte die Denkmalpräsentation: Steinmetze zeigten ihr Können, Altphilologen rezitierten, der erste Theaterplan von 1916 wurde nachgedruckt, zwei künstlerisch geschaffene Theaterfiguren belebten das Gemäuer, als Gewinn einer Verlosung winkte ein Steigerhub in 30 m Höhe, Musik der Antike - kundig nachempfunden - ließ die Besucher besonders aufhorchen.

Im Jahr 2000 wurde die Ausgrabung in ähnlicher Weise fortgesetzt, nun besonders gefördert von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, dem Land Rheinland-Pfalz und der Stadt Mainz. Als Dank für die ehrenamtliche Mitarbeit wurde eine von der Landesarchäologie eigens dafür entworfene Theaterpraline von der Confiserie Schipp gefertigt. Die Zahl der Besucher wuchs am Tag des offenen Denkmals auf über 3000 an.

Staatsarchitektur

Stützpfeiler der Cavea
Abb. 8
Stützpfeiler der Cavea, dazwischen hochmittelalterliche Bestattungen in den ehemals unterirdischen Laufgängen, darüber Gewölbeversturzblöcke.
Parodos-Mauer und Pfeiler
Abb. 9
Südöstliche Parodos-Mauer (Bildunterkante) mit den ersten Stützpfeilerreihen (s. Abb. 8)
Luftaufnahme der Grabungsfläche
[Abb. 12
Architekturquerschnitt in Form eines "Tortenstücks"]
Zum Ergebnis: Auf einer bis Ende 2000 knapp 1000 m² großen Fläche konnte von dem in den Hang hineingebauten Theater ein repräsentativer Architekturquerschnitt in Form eines "Tortenstücks" freigelegt werden ([Abb.12]): Balteus-Mauer, radial davon weglaufende Substruktionsmauern und Pfeiler (Abb.8) sowie der südliche Parodos (Abb.9). Wie bei zahlreichen anderen römischen Bühnentheatern erreichten die Zuschauer auch hier über unterirdische Gänge (ambulacra; confornicationes), Rampen und Treppen die Ausgänge (vomitoria) zu ihrem Sitzplatzbereich. Die auf den ausgegrabenen Mauern und Pfeilern aufliegenden Gewölbe als Unterlage für die Sitzreihen sind nachgewiesen (Abb.7, Abb.10).
Lehrgerüst mit Resten eines Gewölbebogens
Abb. 7
Rekonstruktion eines Lehrgerüstes an einem Gewölbebogenansatz am Tag des offenen Denkmals 1999.
Gewölbescheitelblock
Abb. 10
Herabgestürzter Gewölbescheitelblock:
Innenseite mit Schalbretterabdrücken
Das Gußmauerwerk besteht aus mörtelgebundenem Kalksteinbruch, verblendet mit Handquadern, ebenfalls aus Kalkstein. An besonders beanspruchten Partien wurde opus signinum verwendet. Die Gewölbe waren über Lehrgerüsten errichtet worden, deren Schalbretter noch heute als Abdrücke zu sehen sind (Abb.7, Abb.10). Eine Besonderheit im Mauerwerk stellen Zwischenlagen aus Ziegeln (lateres) dar, zur schnellen Stabilisierung während der Aufmauerung aber auch als optisches Zierelement.

Schicksal in Spätantike und Mittelalter

In Folge der Verkürzung der Stadtmauer im 4. Jh. n. Chr. lag das Theater vor den Toren der Stadt. Wie andere öffentliche Bauten und so manches Gräberfeld mit seinen Grabsteinen wurde es zum Abbruch freigegeben, um schnell die zum Stadtmauerbau erforderliche Baustoffmenge zu erhalten. Zunächst wurden wohl die monolithischen Sitzreihen und andere Partien geometrisch zugehauener Steine abgetragen. Die Gußmauerwerkgewölbe scheinen dagegen erst nach Jahrhunderten dem Steinraub zum Opfer gefallen zu sein, da ab dem 6. Jh. n. Chr. die überwölbten Räume wie Katakomben für Bestattungen aus umliegenden Klöstern - vor allem wohl St. Nikomedes -aufgesucht wurden.

Im 11. Jh. schreibt noch Gozwin in seiner "Passio sancti Albani Martyris Moguntini": "Hoc etiam astruunt adhuc superstites theatri ruinae, quod Romano more ad ludos circenses et theatrica spectacula constructum est".
Erst der Bau der Zitadelle in der Mitte des 17. Jhs. mit den Bastionen Drusus, Germanicus, Tacitus und Alarm führte aus verteidigungstechnischen Gründen zur völligen Einebnung des unmittelbar davorliegenden Bühnentheaters.

2001 und die Zukunft

Die imposante, großräumige Theaterruine steht heute nicht mehr in der Gefahr, vergessen oder gar wieder zugeschüttet zu werden.

Stadtplanung und die Deutsche Bundesbahn beziehen das Bauwerk in ihre Neugestaltungsabsichten des Südbahnhofumfeldes und des Bahnhofs selbst mit ein. Der heutige Zitadellenweg könnte zum Fuß- und Radweg reduziert werden, und der Südbahnhof erhält vielleicht einen theaterbezogenen Zusatznamen. lm Südsektor der Ruine möchte sich der Unterzeichner eine die Raumkanten anzeigende, dreidimensionale Rekonstruktion vorstellen. Aus der Gegenüberstellung einer Teilrekonstruktion und des Ruinenzustandes im restlichen Areal ergäbe sich ein Geschichtserlebnis besonderer Art:
Ehemaliger faszinierender und berühmter staatlicher Großbau und seine Vergänglichkeit bzw. seine Wiedergewinnung. Eine einmalige, nur der Stadt Mainz eigene Attraktion entstünde, ein Identität stiftendes Denkmal für die Bürger und ein Anziehungspunkt für die Besucher von Mainz, besonders auch die Zugreisenden.

Quelle

Gerd Rupprecht:
Wo einst Gedenkfeier und Schauspiel stattfanden
Rundschreiben, Mainz Mai 2001
und Antike Welt 2/2000 Verlag Phillip von Zabern, Mainz