Bericht über die Vermehrung der Sammlungen des Altertumsmuseums der Stadt Mainz vom 1.April 1916 bis 1.April 1917
von Prof. Ernst Neeb
Römisches: Das römische Bühnentheater beim Südbahnhof¹)
¹) Vorberichte über die Ergebnisse erschienen am
26.Juli 1916 in den Mainzer Tageblättern; ferner in der
Denkmalpflege 19.Jahrgang (1917) Nr.1, im Korrespondenzblatt der
Röm.-Germ. Kommission 1917, Heft 2 und in der neudeutschen
Bauzeitung 13.Jahrgang (1917) Heft 31/32.
Schon bei der Abfassung des Berichtes über die
Ergebnisse der Überwachung von Erdarbeiten in den Jahren 1914/15
(s. Mzr.Ztschr. X S. 75 ff.) war die
Vermutung aufgetaucht, daß man es bei dem Mauerwerk, das im Jahre
1884 bei der Anlegung des heutigen Bahnhofs Mainz-Süd
(Neutorbahnhof) aufgedeckt wurde, mit dem Bühnengebäude des
römischen Theaters zu tun haben könnte. Die von Fr. Falk im 2.
Jahrgange (1907) S. 38 f. der Mainzer Zeitschrift veröffentlichten
Notizen aus der Passio S. S. Aurei et Justinae, wonach man das
Theater des römischen Mainz im sogenannten Heiligentale (dem
Zahlbacher Tale), etwa im Gebiete des ehemaligen Dalheimer Klosters
in der Nähe der römischen Wasserleitung zu suchen hätte, geboten
zunächst etwas Vorsicht. Dazu kam noch eine früher schon geäußerte
Vermutung, die diese im Jahre 1884 freigelegten Mauerreste mit dem
sogenannten Dagobertspalaste in Verbindung bringen wollte
(s. Mzr. Ztschr. X S. 77 Sp. 2).
Weiter unten soll auf diese Fragen noch einmal zurückgekommen
werden. Daß die im Jahre 1914 bei der Kanalisierung der Straße 23
angeschnittenen Mauerreste mit den im Jahre 1884 entdeckten und,
wie die im Sommer 1916 unternommenen Ausgrabungen gezeigt haben,
von Bezirks-Ingenieur Peisker mit größter Genauigkeit aufgenommenen
im Zusammenhange standen, war zweifellos. Jedenfalls schien es an
der Zeit, endlich einmal die Peiskerschen Aufnahmen zugleich mit
seinem handschriftlichen Berichte und die im Jahre 1914 gemachten
Beobachtungen zu veröffentlichen. Dies geschah bereits im
Jahrgange X (1915) S. 75 ff. der Mainzer Zeitschrift.
Um unnötige Wiederholungen zu vermeiden, sei hier
auf diesen einleitenden Bericht ausdrücklich verwiesen. Am Schlusse
heißt es dort aus den oben angegebenen Gründen:
"über die Entstehungszeit und den Zweck des Baues jetzt schon
weitgehende Vermutungen auszusprechen, dürfte verfrüht sein; es
gilt zunächst, die Ergebnisse weiterer Grabungen, soweit diese in
dem noch freien Gelände angestellt werden können, abzuwarten.
Hoffentlich können diese recht bald und in friedlicheren Zeiten
vorgenommen werden."
Die Veröffentlichung der bisher gemachten Entdeckungen trug
gleich ihre Früchte. Unabhängig von unserer Vermutung sprach mir
Herr Dr. Drexel auf Grund des Berichtes in der Mainzer Zeitschrift
in einem Schreiben vom 2. Dezember 1915 die Ansicht aus, daß die
bisher gefundenen Reste kaum etwas anderes sein könnten als die des
römischen Theaters, und verwies dabei auf Augst, Avenches und
Lillebonne, um Beispiele aus Mittelstädten anzuführen. Auch hier
sei ihm für seine Mitteilung herzlichst gedankt.
Es galt nun durch eine vorläufige Untersuchung im Boden selbst
weitere Anhaltspunkte für die Richtigkeit der bis jetzt
ausgesprochenen Vermutungen und Ansichten zu finden. Umfängliche
Ausgrabungen gestatteten weder die Zeitverhältnisse noch die zu
Gebote stehenden Geldmittel; auch ist überhaupt das für diese
Grabungen verfügbare freie Gelände nur noch in verhältnismäßig
geringer Ausdehnung vorhanden. Immerhin konnte mit den Grabungen im
Sommer 1916 begonnen werden. Sie hatten den gewünschten Erfolg:
Lage, Größenverhältnisse und Grundrißgestaltung des römischen
Bühnentheaters zu Mainz sind im wesentlichen festgestellt (s.
Abb.2, 3 und
5).
Ehe wir zur Einzelbetrachtung übergehen, seien hier über die
Geländeverhältnisse kurz einige Bemerkungen vorausgeschickt: das
römische Theater liegt am Nordabhange der Hochfläche, auf deren
Nordrande sich heute die Zitadelle erhebt. Dieser Abhang dachte
sich ursprünglich in mäßiger Neigung bis in die Gegend der heutigen
Neutorkaserne und Holzhofstraße ab. Die Neutorkaserne liegt auf +7m
des Mainzer Pegels, der Bahnkörper des Südbahnhofs auf +13,25, der
Graben der Zitadelle in der Höhe des Drususdenkmals auf +30,40, der
Fuß des Drususdenkmals, soweit dies bis jetzt auf der Nordseite
freigelegt ist (s. Mzr. Ztschr. VIII/IX S. 132 f.), auf +34,70 m
Mainzer Pegel; die ursprüngliche (römische) Bodenoberfläche liegt
hier noch etwas tiefer. Die wagrechte Entfernung des Drususdenkmals
vom Bahnsteig des Südbahnhofs beträgt rund 340m. Etwa in der Gegend
des heutigen Südbahnhofs und vor der Spitze der Bastion Germanikus
der Zitadelle biegt der Abhang in flachem Winkel rheinwärts (d.h.
nach Osten hin) um. Mit geschickter Ausnutzung des Geländes hatte
man in diese flache Einbuchtung den Zuschauerraum des römischen
Theaters eingebaut.
Der ganze Abhang, auf dem heute die Zitadelle liegt, führt den
Namen Jakobsberg; in mittelalterlichen Quellen findet sich dafür
auch die Bezeichnung "mons speciosus", ob hierin vielleicht der
ursprüngliche (latinisierte) deutsche Name des Berges steckt, soll
hier nicht untersucht werden. Die sich ostwärts anschließende Höhe
heißt der Albansberg (in mittelalterlichen Quellen taucht auch
hierfür ein anderer Name, "mons Martis" und "mons martyrum", auf).
Getrennt werden der Albans- und Jakobsberg durch die Senke "auf der
Steige" (s. Lageplan Abb. 2).
Abb. 2.
Lageplan des römischen Theaters und derbenachbarten römischen Bauwerke,
Straßen und Friedhöfe sowie der mittelalterlichen Bauten
Schon im Mittelalter (1328) legte man zur Befestigung des
Jakobsbergs einen breiten Graben an - im Jahre 1528 wurde er noch
erweitert -, der etwa in der Gegend des heutigen Südbahnhofs
begann, von hier in südwestlicher Richtung den Abhang hinauflief
und in der Nähe des Drususdenkmals nach Nordwesten umbog. Bei der
Anlage der Schweikardsburg (1620-1629) und späterhin bei der Anlage
der heutigen Zitadelle (1655-1661) wurde dieser Graben wieder
benutzt.
Das Nähere hierüber siehe bei
Neeb, Zur
Geschichte des Klosters und der Zitadelle auf dem Jakobsberg, Mzr.
Journ. Feierstunde 1907 Nr.156ff. (auch als Sonderdr.) und
Zentralblatt der Bauverwaltung. Jahrg.XXVII (1907) Nr.65 S.430
ff. (Neeb, Die Zitadelle der Festung Mainz und ihre
Erhaltung). Die dort auf Abbildung 6 gegebene Ansicht
veranschaulicht im Zusammenhange mit unserem Lageplan
(Abb.2) besonders deutlich die heutigen
Geländeverhältnisse und zugleich auch die Lage des römischen
Theaters. Als dann im Anschluß an die Schönbornschen
Befestigungswerke die Bastione Albani und Salvator angelegt wurden,
führte man den südöstlichen Zitadellengraben zwischen diesen beiden
Bastionen nach Nordosten (rheinwärts) hin weiter durch. Lage der
Bastione Albani und Salvator und die Richtung des Grabens ergibt
sich aus
Mzr. Ztschr. X S.75
Abb. 1, Profil A-B und E-D [Profil C-D?]. Dieser Graben,
vielleicht auch schon der erste (mittelalterliche), durchschnitt
das Bühnengebäude, die Orchestra und den Zuschauerraum, und
zerstörte die in sein Gebiet fallenden Teile des Theaters.
Im Gebiete des Theaters erbauten sich im Mittelalter die
Wilhelmiter ihr Kloster (s. Mzr. Ztschr. X
S. 77 Anm. 1). Auch der
Wilhelmiterturm, durch den aus der Stadt von der Dietherpforte her
der Weg nach dem St. Albanskloster führte, muß noch innerhalb des
Theaters gelegen haben. Auf unserem Lageplane ist nur die
Dietherpforte eingezeichnet. Wilhelmiterkloster und -Turm wurden
wahrscheinlich bei der Anlage der Schönbornschen Befestigungswerke
abgebrochen (vielleicht auch schon vorher im Zusammenhang mit der
Erbauung der Schweikardsburg). Bei der letzten Grabung wurde der
von ihrem Abbruche herrührende Bauschutt an verschiedenen Stellen
durchschnitten. Durch die Anlage der Schweikardsburg und späterhin
der Zitadelle, besonders aber durch die Wallanschüttungen und
Gräben der Bastione Albani und Salvator hatten sich schon bis zum
17. Jahrhundert die Geländeverhältnisse um das römische Theater
stark verändert. Dann wechselte wieder das Bild des Abhangs, als im
Jahre 1884 die beiden Bastione wieder abgetragen (Albani wenigstens
zum größten Teil, Salvator vollständig) und in deren Gebiete der
Bahnhof Mainz-Süd angelegt wurde. Die letzte Veränderung trat vor
etwa einem Jahrzehnt im Zusammenhang mit der Auflassung der
Festungswerke und der Anlage der Straße 23 ein. Das ursprüngliche
Bild des Abhanges, in den das römische Theater eingebaut war, ist
heute, ganz besonders in bezug auf die Böschungsverhältnisse,
vollständig umgestaltet.
Nun zu den Ausgrabungen selbst : Im Jahre 1884 hatte man schon
das Bühnengebäude mit den seitlichen Zugängen (parodoi) und ein
kleines Stück und der Orchestra und des Zuschauerraumes (cavea)
freigelegt. Sie wurden von Peisker sehr zuverlässig aufgenommen;
diese Aufnahmen sind zugleich mit Peiskers Bericht in der
Mzr. Ztschr. X S. 75 ff. zum erstenmal
veröffentlicht worden. Die Bedeutung des ganzen Baues hatte man
damals nicht erkannt.
Im Jahre 1914 wurde bei der Kanalisierung der Straße 23 der
Zuschauerraum quer durchschnitten; hierbei stieß man auf Teile der
strahlenförmig von der Orchestramauer aus nach dem oberen Rande des
Zuschauerraumes hinlaufenden Stützmauern, wir nennen sie im
folgenden "Keilmauern"; der antike Fachausdruck dafür ist mir bis
jetzt nicht bekannt. Auf der rechten (West-) Seite waren diese zum
Teil durch die oben erwähnte Grabenanlage beseitigt worden. Die
Ergebnisse dieser Untersuchung sind ebenfalls in der Mzr. Ztschr.
a.O., und zwar in Verbindung mit den Peiskerschen Aufnahmen,
veröffentlicht.
Die Grabungen im Jahre 1916 sollten nun den endgültigen Beweis
dafür bringen, daß der Bau das Bühnentheater des römischen Mainz
sei.
Zunächst wurde versucht dem Zuschauerraum von außen her
beizukommen, weil man hier voraussichtlich mit den geringsten
Tiefen zu rechnen hatte. Zu diesem Zwecke wurde im Zitadellengraben
ein längerer Einschnitt bis zu 2,5-3 m Tiefe gemacht; es zeigten
sich hier aber keine Mauerreste; ebenso ergebnislos war ein
Einschnitt in der Nähe des östlichen Endes der Straße 23.
Nun wurde der umgekehrte Weg eingeschlagen, d.h. es galt an
einer Stelle die Umfassungsmauer der Orchestra, von der 1884 schon
ein kleines Stück auf ihrer Ostseite freigelegt sein mußte, zu treffen.
Dicht bei der Straße 23 ¹) (s. Abb. 3 bei a) wurde deshalb ein 9 m langer und 1
m breiter Versuchsgraben gezogen.
¹) Im Herbste des Jahres 1917 wurde die
Röhrenleitung des sogenannten Kapuzinerbrünnchens
(s. unten S.75) umgelegt. Bei dieser
Gelegenheit stieß man nördlich vor der Spitze der Bastion
Germanicus, zwischen dieser und der Straße 23 etwa in 1 m Tiefe auf
die äußeren Enden von zwei der Keilmauern; bei nächster Gelegenheit
sollen an dieser Stelle genauere Untersuchen vorgenommen
werden.
Abb. 3.
Ergebnisse der Ausgrabung im Jahre 1916.
Im Nebenbilde die Richtung der Schnitte auf Abb. 6
In etwa 1,5 m Tiefe stieß man hier auf eine bis zu 0,75
m starke Schicht von Bauschutt, dabei fanden sich einige
mittelalterliche Scherben und die eine Hälfte einer Gußform;
offenbar durchschnitt man hier den Bauschutt, der vom Abbruche des
Wilhelmiterklosters oder der Wilhelmiterpforte herrührte. Endlich
kamen in etwa 3,5 m Tiefe die ersten römischen Mauerreste zum
Vorschein; ein im spitzen Winkel den Versuchsgraben schneidender
Mauerzug; er zeigte genau dieselbe Mauertechnik wie die im Jahre
1914 angeschnittenen. Die äußere Aufmauerung war regelmäßig
geschichtet, wechselnd etwa 3-4 Lagen Quadersteine und zwei Lagen
Ziegeldurchschuß; der Mauerkern bestand aus Gußmauerwerk. In der
westlichen Fortsetzung des Grabens, d.h. in der Richtung auf die
gesuchte Orchestramauer hin, trat dann in größerer Tiefe ein
bedeutend stärkerer, zunächst rätselhafter Mauerklotz zutage, der
sich nach rechts und links unter der Grabenwand fortzusetzen schien
(s. Abb. 3 bei b). Auf der Seite, die
nach der Orchestra hin liegen mußte, war er wild abgebrochen, die
andere Seite, die dem zuerst angeschnittenen Mauerzug etwa parallel
zu laufen schien, zeigte dieselbe Art der Aufmauerung wie dieser.
Bei genauer Untersuchung dieses Mauerblocks, wobei auf den Seiten
vorsichtig²) noch etwas in die Grabenwand eingeschürft wurde,
zeigte sich auf der rechten Seite, dicht hinter dem Grabenrand, an
der aufgemauerten Außenwand eine eigentümliche Fuge.
²) Der nur 1 m breite Graben war an dieser Stelle
bis fall zu 7 m Tiefe getrieben worden. Trotz der Einschalung
drohten bei dem aufgeschütteten Erdreich fortwährend Rutschungen,
wozu besonders die starke Schicht des mittelalterlichen
Mauerschutts, ferner auch die fortwährende Erschütterung durch die
in nächster Nähe vorbeifahrenden Eisenbahnzüge wesentlich
beitrug.
Vorsichtig wurde einer der an diese Fuge anstoßenden
Quadersteine ausgebrochen, dabei zeigte es sich, daß die Fuge sich
in den Mauerkern hinein fortsetzte ; sie wurde dann durch weiteres
Ausbrechen nach dem Innern des Mauerklotzes hin weiterverfolgt, und
nun zeigte sich deutlich; hier stießen zwei Mauern ohne Verband im
annähernd rechten Winkel aufeinander. Die eine Mauer konnte nur
eine der Keilmauern, die andere ein Stück der Orchestramauer sein.
Von hier ab nun gleich die Orchestramauer weiter zu verfolgen,
verbot sich aus den in der Anmerkung angegebenen Gründen.
Nun galt es eine dieser Keilmauern in ihrer Längsrichtung bis an
die Orchestramauer zu verfolgen. In einiger Entfernung vom ersten
Graben (s. Abb. 3 bei c) wurde
nun mit einem zweiten begonnen, und zwar an der Stelle, wo schon
die Peiskersche Aufnahme dicht bei der Straße 23 Reste von
Mauerwerk verzeichnete. Der Sicherheit halber wurde hier der Graben
zunächst gleich in einer Breite von 2,50 m angelegt. Schon bei etwa
1 m Tiefe stieß man auf römisches Mauerwerk. Wie sich aber bald
zeigen sollte, hatte man es hier nicht mit einem Stück der
Keilmauer selbst, sondern mit einem lose auf dieser liegenden
großen Mauerklotz aus Gußmauerwerk zu tun; erst in größerer Tiefe
stieß man unmittelbar unter diesem Mauerklotz auf die eigentliche
Keilmauer. Der zuerst angeschnittene Mauerklotz ragt noch mit einem
Stück unter die Straße 23, konnte also dort nicht näher untersucht
werden. Der freigelegte Teil war von ganz unregelmäßiger Gestalt ;
er hatte eine Höhe von über 0,5 m und war in der größten Breite über
1,5 m stark. Im Mauerkerne zeigten sich feine Haarrisse, wie sie
beim Sprengen von besonders festem Mauerwerk aufzutreten pflegen.
Ich vermute, daß dieser Mauerklotz bei einer Sprengung irgendwo
losgerissen und hierher auf die Keilmauer geschleudert worden ist;
man hatte ihn dann, da er weiter nicht mehr störte, ruhig liegen
lassen; ob diese Sprengung schon bei der Anlegung der Bastion
Albani oder erst bei der des Südbahnhofs vorgenommen worden war,
soll dahingestellt bleiben; jedenfalls gehörte er ursprünglich zum
Mauerwerk des Theaterbaues.
Unmittelbar unter diesem losgerissenen Mauerbruchstück kam nun,
wie schon bemerkt, auch die gesuchte Keilmauer mit zutage gehendem
Mauerwerk zum Vorschein, damit war auch die Richtung gegeben, in
der weiterhin bis zur Orchestra der Graben geführt werden mußte;
auch hier mußte, je näher man der Orchestramauer kam, in desto
größere Tiefe gegangen werden; zugleich wurde auch nach und nach
der Graben bis zu 4 m Breite erweitert. Der Graben konnte jedoch
mit Rücksicht auf die geringe Festigkeit des Bodens (s. oben) nicht
in einem Stücke durchgeführt werden. In Abständen von etwa je 4 m
blieb jedesmal von Grabenwand zu Grabenwand ein etwa 1 m breiter
Steg des Erdreichs stehen, der als Verstrebung für die Grabenwände
dienen sollte. Infolgedessen war es leider nicht möglich, ein
photographisches oder zeichnerisches Bild einer solchen Keilmauer
in ihrer ganzen Länge und mit ihren einzelnen Teilen, von der
Orchestra her gesehen, hier wiederzugeben.
Die in diesem zweiten Versuchsgraben gewonnenen Ergebnisse hoben
nun jeden noch etwa auftretenden Zweifel. Genau an der gesuchten Stelle kam die
Orchestramauer zum Vorschein, wieder stießen die Keilmauern - der
breite Graben hatte hier auch nach rechts und links die
benachbarten Keilmauern schwach angeschnitten - ohne Verband an die
Orchestramauer.
Abb. 4.
Blick auf das untere Ende dreier Keilmauern des Zuschauerraumes und
auf ein Stück der Umfassungsmauer der Orchestra
Unsere Abbildung 4 zeigt das Ergebnis; sie ist auf
Grund einer photographischen Aufnahme hergestellt; der
Anschaulichkeit halber ist auf unserer Zeichnung das Mauerwerk der
anstoßenden Keilmauern nach außen hin ergänzt. Ferner zeigte es
sich, daß diese Keilmauer von der Orchestra-Mauer bis zum äußeren
Rande des Zuschauerraumes nicht in einem Stück durchgeführt war.
Zunächst stieß an die Orchestra eine 7,40 m lange Zunge; dann
folgte im Abstande von 3 m (10 röm. F.) ein rechteckiges,
pfeilerartiges Stück von 2,90 m Länge; dann wieder im Abstande von
3 m (10 r.F.) eine Zunge; ob diese nun bis zur äußeren
Umfassungsmauer hin durchläuft, oder noch einmal absetzt muß später
festgestellt werden. Diese Teilung in Pfeiler und längere Zungen
scheint auch für die anderen Keilmauern zu gelten; die Ecke eines
der pfeilerartigen hier Stücke wurde auch 1914 in der Straße 23
angeschnitten; ebenso kehrt sie bei der rechten (westlichen)
Parodos der Peiskerschen Aufnahme wieder (s. den Grundriß auf
Abb. 5 [s.u.] und
Abb. 8 [s.u.]).
Nun noch eine letzte Untersuchung; sie mußte zeigen: 1. ob die
Peiskersche Planaufnahme vollkommen zuverlässig ist; 2. ob sie auf
unserem Plane (
Mzr. Ztschr. X S.
75) richtig in das heutige Gelände eingetragen worden war.
Wie aus unserem Lageplan zu ersehen ist, biegt in der Westhälfte
des Zuschauerraums von Straße 23 im spitzen Winkel eine schmälere
Straße ab, die ein Stück neben dem Südbahnhof herläuft und dann
unter diesem durch nach der Neutorstraße führt. Hier mußte die
schon 1884 freigelegte und bereits von Peisker verzeichnete Ecke
liegen, wo die Orchestramauer mit der einen Mauer der östlichen
Parodos zusammenstieß. Unmittelbar unter der Straßenstückung, die
hier, nebenbei bemerkt, zum größten Teil aus Abbruchsmaterial des
Theaterbaues bestand, stieß man auch schon in 20 bis 30 cm Tiefe
auf die Orchestramauer, von der zu der Ecke in ihrer ganzen Breite
ein Stück von 5 m Länge freigelegt wurde (s.
Abb. 3 bei d). Die Peiskersche
Aufnahme ist peinlichst genau: genau in einem Abstand von 40 cm von
der Südmauer der östlichen Parodos stößt, wie es Peisker
verzeichnete, die erste Keilmauer-Zunge auf die Orchestra-Mauer,
auch nimmt diese selbst, wie ebenfalls Peisker angibt, in nächster
Nähe der Ecke an Breite etwas ab. Auch unsere erste Einzeichnung
ins heutige Gelände wich von dem tatsächlichen Zustand nur um etwa
50 cm ab.¬π)
¬π) Nur das (eiserne) Geländer, das die Böschung
oberhalb des Südbahnhofs begleitet, ist auf unserem Plane, Mzr
Ztschr. X S.75 Abb.1, in seiner Richtung nicht ganz genau
eingezeichnet; es verläuft nicht in gerader Linie.
Die Lage des römischen Theaters ist aus dem
beigegebenen Lageplan (Abb. 2)
deutlich zu ersehen. Es lag außerhalb der römischen Bürgerstadt;
deren Gebiet erstreckte sich bis zur mittelalterlichen Stadtmauer,
die höchstwahrscheinlich auch hier auf der Ostseite der Stadt, wie
auf deren Südseite (am Kästrich), sich auf die römische Stadtmauer
aufsetzte.
Abb. 5.
Grundrißszizze des Theaters nach den Ergebnissen der bisherigen Grabung
Unsere Skizze des Grundrisses (Abb.5) ist nach den Ergebnissen
der bisherigen Untersuchungen gezeichnet. Auf die nahe
Verwandtschaft mit den Grundrissen der Theater zu Arles und Orange
sei hier nur hingewiesen; s. Formié, Remarques diverses sur les
theatres romains à propos ceux d'Arles et d'Orange (extrait des
memoires presentes à l'academie des inscriptions et belles-lettres,
Tome XII) Paris 1914. Jetzt schon näher auf alle die sich
aufdrängenden Fragen über die Grundrißanlage und den Aufbau
einzugehen, soll noch vermieden werden; hier gilt es, die
Ergebnisse später vorzunehmender Untersuchungen abzuwarten.
Nun zur Beschreibung der Einzelheiten: Ausdrücklich sei hier
nochmals bemerkt, daß die im Jahre 1916 unternommenen Grabungen nur
als Voruntersuchungen anzusehen sind. Ihr Zweck war in erster Linie
die ganze Frage nach dem Theater des römischen Mainz auf sichere
Grundlagen zu stellen, und womöglich Lage und Umfang des ganzen
Baues festzustellen. Diese Grabungen erstreckten sich in der Tiefe
nur bis etwa zur Oberfläche des Geländes in römischer Zeit. Was
1914 und besonders 1916 freigelegt wurde, war im wesentlichen schon
zutage gehendes Mauerwerk, die eigentlichen Grundmauern konnten
nicht eingehender untersucht werden; gerade hier aber dürften,
besonders was die Entstehungszeit des Baues betrifft, noch
wertvolle Ergebnisse zu erwarten sein. Diese Untersuchungen können
aber im nötigen Umfange und ohne größere Schwierigkeiten nur im
Zusammenhange mit einer planmäßigen Abtragung des Geländes
angestellt werden. Dies ist aber nur noch in größerem Umfange
möglich bei dem schmalen Spittel zwischen Straße 23 und der von ihr
abzweigenden und tiefer liegenden Straße, die längs der Osthälfte
des Südbahnhofs herführt. Wir kommen unten auf dieses Stück noch
einmal zurück. Gerade die Unterbringung der ausgehobenen Erdmassen,
die bei der Tiefe der hier nötigen Gräben nach und nach gewaltig
anwuchsen, machte, ganz abgesehen von Gründen der Sicherheit, bei
den Grabungen im Jahre 1916 viel Schwierigkeiten und, gebot
mancherlei Einschränkung.
Die Hauptmaße des Baues sind: Breite der Bühne: 41,25 m (= 140
römische Fuß), Tiefe bis zur Parodos: 7,75 m (= 26 römische Fuß),
bis zur Orchestra: 11,25 m (= 40 römische Fuß), an der Rückwand
gemessen beträgt die Breite der Bühne 40 m. Durchmesser der
Orchestra: 41,25 m ( = 140 römische Fuß), Durchmesser des
Zuschauerraumes bis zum äußeren Ende der Parodoi gemessen: 116,25 m
(= 400 römische Fuß). Soweit das aufgehende Mauerwerk noch erhalten
ist, schwankt dessen Höhe zwischen etwa 0,50-1,20 m. Fast
durchgehends ist es noch sehr gut erhalten.
Die einzelnen Bauteile: Im Jahre 1884 waren, wie schon bemerkt,
zutage getreten :
- Das Bühnengebäude, bestehend aus der eigentlichen Bühne
(proscaenium), der scaenae frons (Hinterwand der Bühne) und dem
postscaenium mit den Ankleideräumen für die Schauspieler (beim
Mainzer Theater scheint er dreiteilig gewesen zu sein). Vor das
postscaenium legte sich nach der Straße hin der porticus.
- Die seitlichen Zugänge zur Orchestra und zum Zuschauerraum
(die parodoi); ferner auf der linken Seite ein kleines Stück der
Orchestramauer mit anstoßender Stützmauer des Zuschauerraums,
rechts ebenfalls einige dieser Stützmauern.
Abb. 6.
Schnitt A-B Querschnitt durch die westliche Parodos; Schnitt C-D
Längenschnitt durch eine Keilmauer und Querschnitt durch
Orchestramauer (s. Abb. 3 Nebenbild)
Hier soll nun gleich auf eine wichtige Frage hingewiesen werden:
Die beiden langen, gangartigen Räume, die von rechts und links zur
Orchestra führen, bezeichnen wir als parodoi, weil sie ihrer Lage
nach diesem Teile der römischen Theateranlage entsprechen. Ihre
Höhenlage aber macht es fraglich, ob diese Gänge wirklich die
eigentlichen Zugänge bildeten, durch die man zur Orchestra und
durch seitliche Treppenanlagen in den Zuschauerraum gelangte, oder
ob sie nicht vielmehr nach der Außenseite hin abgeschlossene Gänge
waren, die unterhalb der eigentlichen Parodos lagen und zu
Bühnenzwecken (Bedienung des Vorhangs, der Kulissen u.ä.) dienten.
Dafür könnte die Höhenlage ihres Fußbodens sprechen. Dieser liegt
nämlich nach der Peiskerschen Aufnahme auf +13,35 m, die Oberkante
der Orchestramauer muß aber zum mindesten auf etwa +20 m gelegen
haben, wie sich aus der noch feststellbaren Scheitelhöhe der die
einzelnen Teile der Keilmauern verbindenden Bogenwölbung ergibt
(vgl. Abb. 6 und Abb.
8 [s.u.]). Auf ihrer Innenseite müßte dann die Orchestrawand zum
mindesten etwa 6,65 m hoch gewesen sein, wenn wir annehmen, daß der
Boden der Orchestra in gleicher Höhe wie der in den seitlichen
Gängen von Peisker gemessene (13,35 m) lag. Dieses Höhenmaß dürfte
aber für die Orchestrawand, nach dem was wir aus anderen römischen
Theateranlagen ersehen, zu hoch gegriffen sein: Der Fußboden der
Orchestra und damit auch der der eigentlichen parodoi muß höher
gelegen haben, die Entscheidung über diese Frage sei zunächst aber
den Sachkennern und späteren Untersuchungen vorbehalten. Die
Bezeichnung als parodoi für diese Gänge sei hier aber der
Einfachheit halber zunächst aus dem oben angegebenen Grunde
beibehalten.
Abb. 7.
Blick in die westliche Parodos von der Bühne aus; nach dem Aquarelle Peiskers
Das eine der Peiskerschen Aquarelle, die wir hier noch einmal
wiedergeben, zeigt (Abb. 7) den Blick in die rechte (westliche)
Parodos, etwa von der Bühne aus gesehen. Durch die Türe links, zu
der wohl eine Holztreppe hinaufführte, gelangte man in den
Zuschauerraum oder in die darunter liegenden Gewölbe, was nach dem
eben Bemerkten wahrscheinlicher ist. Die rechte, etwas niedriger
gelegene Türe führte zu einem oder mehreren Räumen, die sich
seitlich an die Bühne anschlossen. Der Gang selbst war überwölbt,
wie unser Bild zeigt und auch Peisker ausdrücklich angibt. Seine
Höhe betrug im Lichten bis zum Scheitelpunkte des Gewölbes etwa 6-7
m, die Breite 3,2 m = 12 römische Fuß. über die Zusammensetzung des
Mauerwerks siehe unten.
Abb. 8.
Blick auf eine Reihe der Stützmauern des Zuschauerraumes gegen die
westliche Parodos gesehen; nach dem Aquarelle Peiskers
Das zweite der Peiskerschen Aquarelle (Abb. 8) gibt den Blick
auf die Stützmauern des Zuschauerraums oberhalb der westlichen
(rechten) Parodos; im Hintergrunde sieht man über nicht
abgetragenem Erdreich den oberen Teil der einen Parodosmauer. Der
Standpunkt für diese Aufnahme liegt in der Westhälfte des
Zuschauerraumes nach der Orchestra hin. Auf unserer Abbildung 8
sieht man auch deutlich, daß sich in der Richtung auf die Orchestra
hin von Pfeiler zu Pfeiler Bogen spannten, über deren Aufmauerung
Peisker,
Mzr. Ztschr. X S.
77 Sp. 1, näher berichtet.
Unter der Bahnsteiganlage des Südbahnhofs verschwunden sind: Das
ganze Bühnengebäude und die westliche Parodos; ferner zum größten
Teil die Außenmauer der östlichen Parodos, und die erste
Stützmauerreihe auf der Westseite des Zuschauerraumes (vgl. den
Lageplan Mzr. Ztschr.X S.75).
Fundamentreste sind aber hier sicher noch im Boden erhalten, wie
sich im Jahre 1916 zeigte. Gerade zu der Zeit, als oberhalb des
Bahnhofs unsere Grabungen im Gange waren, wurde im Bahnsteiggebiet
ein schmaler Kanal für eine Gas- oder Wasserleitung ausgehoben,
dabei wurde auch ein Stück einer der Quermauern des postscaeniums
angeschnitten.
Die Orchestramauer konnte, wie schon bemerkt, bei der letzten
Grabung auf größere Stücke hin freigelegt werden: Auf ihrer nach
dem Zuschauerraume hin liegenden Außenseite ist das aufgehende
Mauerwerk noch wohl erhalten. Es besteht aus sauber gerichteten
kleinen Quadern in regelmäßiger Schichtung, wie sie sich
allenthalben bei römischen Bauten zeigt. Auf der Innenseite ist an
allen Stellen das Mauerwerk der Orchestra wild abgebrochen. Ich
vermute, daß hier nach der Orchestra hin die Wand mit Platten oder
größeren Quadern verblendet war. Bekanntlich dienten vom frühen
Mittelalter an alle diese römischen Bauten als Steinbrüche. Gerade
die großen, wohl behauenen Platten und Quadern ihrer äußeren
Bekleidung boten ein willkommenes und verhältnismäßig leicht
auszubrechendes Baumaterial. Und so mag schon manches Stück des
römischen Theaters im Mauerwerk der benachbarten Klöster auf dem
Albans- und Jakobsberg, um nur diese zu nennen, verschwunden sein.
Sicher noch bis ins 17. Jahrhundert müssen Reste des Theaters über
dem Erdboden gestanden haben (vgl. den
Bericht Peiskers Mzr. Ztschr.X S.77 Sp.1).
Damals noch wird bei der Anlage der neuen Befestigungen (s.
Mzr. Ztschr.XI S.77 Anm.2)
Abbruchsmaterial des Theaters in die Eskarpenmauern der
benachbarten Bastione gewandert sein.
Die ganze Stärke der Orchestramauer ließ sich aus dem eben
angegebenen Grunde nicht genau feststellen. Gemessen wurde bei der
letzten Grabung als Breite bis zu 1,60 m.
Eigentümlicherweise nimmt auf der linken Seite, nahe bei der
Parodosmauer, die Breite der Orchestramauer etwas ab. Den Grund
dafür vermag ich nicht anzugeben, wie sich denn überhaupt auf
dieser Seite noch andere Eigentümlichkeiten zeigen: so die schwache
Einknickung des Parodos, die von der auf der rechten Seite
abweichende Anlage der unmittelbar anstoßenden Stützmauern des
Zuschauerraumes, auch muß hier der Abstand zwischen der zweiten und
dritten (noch nicht freigelegten) Mauerzunge (von der Parodosmauer
an gezählt) größer sein als bei den übrigen (s.
Abb. 3 bei e).
Offenbar wurde zuerst die Umfassungsmauer der Orchestra für sich
aufgeführt, dann erst die Stützmauern für den Zuschauerraum; wie
schon bemerkt, stoßen diese überall, wo sie untersucht werden
konnten, ohne Verband auf die Orchestramauer, deren saubere
Quaderung durch die Stoßfuge weiterläuft.
Die Stützmauern des Zuschauerraumes (Keilmauern).
Schon 1884 war ein Teil von ihnen auf der rechten Seite bei der
Parodosmauer freigelegt worden, sie zeigt das Peiskersche Aquarell
(Abb. 8), das, wie
schon gesagt, den Blick gegen Norden gibt und vom Zuschauerraume
aus aufgenommen ist. Im Hintergrunde zieht sich die innere Mauer
der rechten Parodos; die kleine Einsenkung in ihrer Mitte ist die
schon oben erwähnte Türe. Hier sehen wir nun, daß die einzelnen
Teile der Keilmauer, sicher wenigstens die drei letzten nach der
Orchestramauer hin, durch Bogen verbunden waren. Bei den 1916
freigelegten haben sich von diesen Bogen keine Spuren gezeigt, was
aber nicht ausschließt, daß sie auch hier ursprünglich vorhanden
waren. Ob und wie nun die einzelnen Teilstücke der Keilmauern
selbst auch seitlich unter sich wieder durch eine Wölbung verbunden
waren - man könnte sie sich als Tonnengewölbe denken -, dafür
fehlen bis jetzt die Anhaltspunkte. über diesen Keilmauern liefen
in konzentrischen Kreisen von Parodos zu Parodos die Sitzreihen des
Zuschauerraumes. Dieser Umstand läßt eben darauf schließen, daß auch
eine seitliche Überwölbung vorhanden gewesen sein muß; spätere
Untersuchungen ergeben hier vielleicht noch sicherere
Anhaltspunkte. Wie es mit dieser Überwölbung bei den noch besser
erhaltenen römischen Theaterbauten steht, weiß ich nicht.
Die einzelnen Keilmauern laufen nach der Orchestramauer hin
konisch zu. Soweit sie 1916 freigelegt wurden, sind folgende Maße
zu verzeichnen. Das an die Orchestramauer stoßende Stück ist an
seinem unteren Ende durchschnittlich 1,18 m = 4 römische Fuß, am
oberen 1,54 m breit, das nächste entsprechend 1,63 m und 1,75 m = 6
römische Fuß. Die Breite des nächsten, nur in reinem unteren Teile
freigelegten, konnte nicht festgestellt werden. Der Abstand
zwischen dem ersten und zweiten Stück beträgt 3m, zwischen dem
zweiten und dritten 3 m (also je rund 10 römische Fuß).
Die Fundamente scheinen in der Weise aufgeführt zu sein, daß man
die etwas breiter angelegte Grube mit Gußmauerwerk ausfüllte. Ob
man dabei die Wände einzelner Gruben zuerst mit Holz verschalte,
wie dies beim vorkarolingischen Bau von St. Alban der Fall war (s.
Mzr. Ztschr. IV S.35 Sp.2 und Tafel V, Schnitt N-O), muß noch
untersucht werden. Um eine ebene Unterlage für das zutage gehende
Mauerwerk zu haben, legte man auf dieses Gußmauerwerk eine oder
zwei Lagen Ziegel, und führte auf diesen dann zunächst stückweise
die äußere Ummauerung in kleinen Quadern oder Bruchsteinen und
Ziegeldurchschuß auf. Den Kern bildete auch hier Gußmauerwerk.
Die Art der Aufmauerung mit dem bekannten Wechsel von
Bruchsteinen oder Quadern und Ziegeldurchschuß zeigen die
Peiskerschen Aquarelle; bei den Grabungen in den Jahren 1914 und
1916 wurde sie genau so beobachtet.
Die im folgenden mitgeteilten Höhemaße (+ Mainzer Pegel)
beziehen sich jedesmal auf den Fußpunkt des aufgehenden Mauerwerks:
Inneres der rechten Parodos +13,35 m; ob damit auch die Bodenhöhe
der Orchestra gegeben ist, bleibt zunächst noch fraglich (s.o.
S.73). Fußpunkt der Orchestramauer auf der Außenseite +17,90 m; auf
gleicher Höhe auch der Fußpunkt der anstoßenden Keilmauer, am
oberen Ende liegt dieser auf + 18,96 m; das zweite Stück
entsprechend unten auf +19,60, oben auf +19,76 m; das dritte Stück
unten auf +20,46 m, sein oberes Ende konnte nicht freigelegt werden
(s. Abb. 6, Schnitt C-D).
Einzelfunde: Die im Jahre 1884 in oder bei dem Mauerwerk unseres
Baues gefundenen Inschriften hat Keller im 2. Nachtrage zum
Beckerschen Kataloge veröffentlicht. Wie weit sie etwa zur
Datierung des Baues herangezogen werden können, bleibt noch
festzustellen. Weder 1884 noch bei den letzten Grabungen kam ein
Ziegel mit Stempel zutage. Ebensowenig fand sich bei den letzten
Grabungen in den maßgebenden Schichten irgendwelches römisches
Scherbenmaterial, aus dem Anhaltspunkte für die Datierung zu
gewinnen wären. Die im Jahre 1884 im Mauerwerk gefundene Münze
Kaiser Konstantins (s.
Mzr.
Ztschr.X S.77 Sp.1) kann ebensogut bei einem späteren Umbau
oder inneren Ausbesserung dorthin gekommen sein. Dasselbe könnte
auch gelten von den drei Säulen und zwei Gewändestücken mit
Halbsäulen, die offenbar zusammen ein Architekturglied bildeten.
Gefunden wurden sie 200 m östlich vom Bühnengebäude, auf unserem
Lageplan ist der Fundort angegeben; sie sind von Körber in der Mzr.
Ztschr.II S.27 veröffentlicht. Die Nähe des Fundorts könnte dafür
sprechen, daß sie vom Theater, vielleicht vom Bühnengebäude,
stammten. [...]
Über die Entstehungszeit des römischen Theaters wissen wir also
bis jetzt nichts.
Der Platz, den man für den Theaterbau gewählt hatte, war der
denkbar günstigste. Der nicht allzu steil abfallende Abhang
gestattete die weitgehendste Ausnützung des Geländes. Von dem
Legionslager und der Bürgerstadt war er nicht allzu weit entfernt.
Der Zuschauerraum öffnete sich, wie die alte Baulehre vorschrieb,
nach Norden; der Zuschauer hatte also die Sonne im Rücken. An dem
heute noch quellenreichen Abhange fehlte es auch nicht an dem
nötigen Wasser.¹)
¹) Die Quellenleitung, die das sogenannte
Kapuzinerbrünnchen beim ehemaligen Neutor speist (jetzt Ecke der
Neutor- und Dagobertstraße), läuft durch das Theater ; sie wurde
bei der Ausgrabung 1916 angeschnitten. Die Quelle selbst liegt im
Zitadellengraben zwischen Bastion Drusus und Germanikus. Näheres
darüber bei Wagner- Schneider, Geistl. Stifte II S. 233 und bei
Schaab, Gesch. d. Stadt Mainz I S.11.
Von den Straßen, die zum römischen Theater führten, können wir
bis jetzt wenigstens eine mit Sicherheit nachweisen. Sie führte von
der oberen Stadt und dem Legionslager her am Drususdenkmal vorbei
(s. den Lageplan rechts oben
und Mzr. Ztschr.VIII/IX S.132,ferner oben S.21f.). Von der unteren
Stadt her vermittelte den Zugang wahrscheinlich eine Straße, die
von der mittelalterlichen Dieterpforte
(Lageplan bei G, ob schon römisches
Stadttor ?) ihren Ausgang nahm und beim Bühnengebäude vorbei nach
dem römischen Friedhof am Albansberge und von hier aus wohl weiter
nach der römischen Siedelung bei Weisenau führte.
Merkwürdigerweise findet sich, soweit wenigstens bis jetzt
festgestellt werden konnte, weder in den mittelalterlichen Quellen
noch auch in der späteren Literatur , besonders der der
Renaissancezeit, die sich doch eingehend mit den Denkmälern des
römischen Mainz beschäftigte, irgendwo eine Erwähnung der Ruinen
unseres Theaters. Auch der Maßkoppsche Plan von 1575 verzeichnet an
der entsprechenden Stelle nichts derartiges. Vielleicht waren schon
frühzeitig die noch über dem Erdboden stehenden Reste in das
Wilhelmiterkloster oder in den Wilhelmiterturm verbaut. Die Überlieferung, daß in der dortigen Gegend der merovingische König
Dagobert einen Palast gehabt haben soll, mag sich damit erklären,
daß das damals noch erhaltene Bühnengebäude von dem Könige als
Palatium benutzt wurde. Was Falk, Mzr. Ztschr.II S.39, aus
Siegehards Passio S. S. Aurei et Justinae anführt, bezieht sich auf
das römische Amphitheater, das, wie später gezeigt werden soll, an
einem ganz anderen Platze zu suchen ist.
Leider mußten aus Rücksichten auf die Sicherheit des Verkehrs
die im Jahre 1916 aufgedeckten Reste wieder zugeschüttet werden.
Doch sie sollen nicht für alle Zeiten begraben bleiben. Von Seiten des Altertumsmuseums sind bereits Schritte
unternommen worden um im Zusammenhang mit einer gründlichen
Untersuchung späterhin einen Teil des Zuschauerraumes, soweit
dieses im Gelände noch möglich ist, vollständig freizulegen und ihn
in Verbindung mit einer gärtnerischen Anlage zu einer
Sehenswürdigkeit zu gestalten. Teile, die in die Straßenanlagen
fallen, könnten dabei in ihrer Grundrißgestaltung durch
verschiedenfarbige Pflasterung kenntlich gemacht werden. Das für
diese Freilegung in Betracht kommende Geländestück ist im Besitze
der Reichskommission für das Mainz-Kasteler Festungsgelände. Nach
der ganzen Beschaffenheit der Untergrundverhältnisse eignet es sich
nur zu gärtnerischer Anlage, für eine eigentliche Bebauung ist es,
wie aus dem oben Dargelegten leicht zu ersehen ist, vollständig
unbrauchbar. Hoffentlich finden bei der Bedeutung, die die
Entdeckung des römischen Theaters in Mainz allein schon für die
einheimische Geschichte hat, diese Bemühungen auch bei den in
Betracht kommenden Stellen ein verständnisvolles
Entgegenkommen.
Auch bei den Grabungen im Jahre 1916 besorgte das städtische
Tiefbauamt die Planaufnahmen; ihm sei auch hier für seine
Unterstützung verbindlichst gedankt; ebenso auch der
Reichskommission für den Verkauf des Mainz-Kasteler
Festungsgeländes, die in entgegenkommender Weise die Ausgrabungen
auf dem verfügbaren Gelände gestattete. Den Lageplan, die
Grundrißskizze und die Vorlage für Abb. 4 und 6 zeichnete
Museumsassistent P.T. Keßler.
Die Ausgrabungen leitete der Unterzeichnete.
Quelle
Neeb, Ernst:
V.Bericht über die Vermehrung der Sammlung des Altertumsmuseums der Stadt Mainz
vom 1. April 1916 bis 1. April 1917
Mainzer Zeitschrift, Jahrgang XII/XIII, Mainz 1918, Seite 68-76