Bericht über die Vermehrung der Sammlungen des Altertumsmuseums der Stadt Mainz vom 1.April 1914 bis 1.April 1915

von Prof. Ernst Neeb
GRöSSERE Neuerwerbungen durch Ankauf und eine umfänglichere Ausgrabungstätigkeit waren in diesem Jahre durch die Zeitverhältnisse ausgeschlossen. Immerhin haben einzelne Abteilungen der Sammlungen, besonders die Plastik, einen recht wertvollen Zuwachs zu verzeichnen.
Trotz des Krieges hat die Militärbehörde nicht versäumt, das Altertumsmuseum von Funden, die bei Erdarbeiten gemacht wurden, rechtzeitig in Kenntnis zu setzen und so ihre fachgemäße Bergung zu ermöglichen, wofür ihr hier besonders gedankt werden soll.
über wichtige Beobachtungen, die während der Kanalisierung der Straße 23 vor Bastion Germanicus der Zitadelle gemacht werden konnten, wird unten ausführlicher berichtet, und im Zusammenhang damit sollen auch die Ergebnisse der dort im Jahre 1884 gemachten Beobachtungen und Aufnahmen hier zum erstenmal veröffentlicht werden.

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II. Ergebnisse der Überwachung von Erdarbeiten

1) Spätrömisches oder Merovingisches

Bei der Anlegung des heutigen Bahnhofs Mainz-Süd, des ehemaligen Neutorbahnhofs, wurden im Jahre 1884 die mächtigen Mauerwerke eines Baues von über 100 m Breitenausdehnung freigelegt, mußten aber, da sie zum größten Teil in das neue Bahnhofsgebiet fielen, gleich abgetragen werden.

Bezirksingenieur Peisker machte damals im Auftrage des Geheimen Baurats Kramer genaue Aufnahmen; diese befinden sich heute bei den Akten des Mainzer Altertumsvereins im Altertumsmuseum der Stadt Mainz. Es sind 1) ein Grundriss der Mauerzüge im Maßstab 1: 250. Eingezeichnet sind hier auch die damals schon zum Teil abgetragenen Bastionen Salvator und Albani mit ihren Gräben und Eskarpenmauern; ferner die Bahnachse und die jetzige lange Stützmauer auf der Südseite der Bahnhofshalle gegen Bastion Germanikus der Zitadelle hin. Beigegeben sind auch zwei Querschnitte durch die Bastionen Albani und Salvator, die die hier in Frage kommenden Mauerreste bedeckten. 2) Zwei Ansichten in Aquarell, die hier (Abb.2 und 3) wiedergegeben sind. Eine zweite Ausfertigung der Grundrißaufnahmen befindet sich bei dem Planmaterial der Eisenbahndirektion Mainz; sie deckt sich im wesentlichen mit der unserigen.

Aquarell Peiskers
Abb. 2
Ansicht des Bogenmauerwerks von E¹-B¹ auf Abb. 1
Aquarell Peiskers
Abb. 3
Ansicht von E nach B auf Abb. 1.
Nach diesen Aufnahmen ist unser Plan (Abb.1) hergestellt. Der leichteren übersicht halber sind hier die heutigen Bebauungs- und Straßenverhältnisse zugrunde gelegt, wozu das nötige Planmaterial von der Eisenbahndirektion gütigst zur Verfügung gestellt wurde. Neu sind eingezeichnet die im Jahre 1914 in der Straße 23 geschnittenen Mauerreste des Baues, aufgenommen durch das städtische Tiefbauamt. Beiden Stellen sei hier für ihr Entgegenkommen herzlichst gedankt.
Lageplan des römischen Theaters
Abb. 1.
Die Ausgrabung im Gebiete des Südbahnhofs im Jahre 1884, nach den Aufnahmen von Bezirksingenieur Peisker in die heutigen Bebauungsverhältnisse eingetragen; hinzugefügt sind die Ergebnisse der Untersuchung in Straße 23 (im Jahre 1914)
Ferner hatte Peisker auch einen kurzen Bericht über die Freilegung und Untersuchung des Mauerwerks handschriftlich beigefügt; er lautet:

"Bei den Arbeiten zur Verlegung der Bahnen wurden am Neuthor, zuerst bei Herstellen eines Richtstollens unter Bastion Salvator die Reste römischen Mauerwerks aufgefunden, welche sich bei Fortschritt der Erdarbeiten als eine größere Anlage ergaben.
Durch Herrn Geh. Baurath Kramer wurde ich damals beauftragt, die sich ergebenden Mauerteile genau aufzunehmen und in folge dessen ergaben sich die in den vorliegenden Scizzen aufgezeichneten Mauerreste, welche auf ein umfangreiches Bauwerk schließen lassen.
Die zahlreichen Trümmer und Mauerreste erstreckten sich noch weiter aufwärts gegen die Bastion Albani, welche jedoch von den Arbeiten weiter nicht berührt wurden und demnach leider eine Completirung des Bauwerks unmöglich machten.
Welche Bestimmungen dasselbe gehabt haben mag, darauf will ich nicht weiter eingehen, sondern in Kürze jene Beobachtungen angeben, welche während des Baues gemacht wurden.
Das Mauerwerk war zum großen Theil sehr sorgfältig ausgeführt. Auf je 70 - 80 cm Höhe in dem Bruchsteinmauerwerk folgte durchweg eine Ausgleichung von 2 Schichten jener rothen großen gebrannten Platten von ungefähr 40 auf 40 cm Geviert.
Eine minder sorgfältige Ausführung hatte nur das Mauerwerk, welches auf der Höhe des jetzigen Bahnplanums lag und im Plane chraffiert angegeben ist. Diese Mauern lagen gegen die Rheinseite vor dem eigentlichen Bauwerk und hatten anscheinend eine untergeordnetere Bestimmung.¹)

 

¹)Es soll hier einstweilen bemerkt werden, daß nach Maßgabe des Maskoppschen und des Personschen Stadtplanes der ehemalige Wilhelmiterturm und das Wilhelmiterkloster im Gebiete unseres Baues gelegen haben.
Eine besonders sorgfältige Ausführung hatte das Gewölbmauerwerk. Die Bogen bestanden aus 2 Ringen. Wie Sie aus der Scizze ersehen werden, war zuerst ein Ring mit jenen großen Platten ausgeführt, über diesem kam eine Schichte dieser Platten, welche gleichsam als Binder dem Gewölbrücken folgten, und dann erst der 2te Ring des Bogens.
Was nun die ganze Anordnung des Bauwerks anbelangt, so war aus der Fundamentirung und dem Wechsel des gewachsenen mit dem aufgefüllten Erdreich zu erschließen, daß das Bauwerk an einem stark abfallenden Terrainabhang gelegen war und scheint man annehmen zu können, daß es noch zur Zeit der Umänderung der Festungswerke unter Churfürst . . . . . . . also in den Jahren 16.. ²)
²) Gemeint ist die unter Kurfürst Johann Philipp von Schönborn (1647-73) begonnene und unter Lothar Franz von Schönborn (1695-1729) und Philip Karl von Eltz (1732-43) gerade in dieser Gegend erweiterte Befestigung der Stadt.
noch bestanden hat, weil der Abbruch des besagten Mauerwerks genau den Profilen der neu anzulegenden Festungswerken folgt und nur mit einer schwachen Erddecke verdeckt war.
    Gefunden wurden bei den Aufdeckungsarbeiten eine Anzahl Steine mit Inschriften welche s. Z. von Herrn Dr. Keller in einem Vortrage besprochen wurden.
    Außerdem fand sich im Mauerwerk, im Mörtel selbst, eine in der Prägung noch sehr wohl erhaltene kleine Münze des Kaisers Constantin.
    Obwohl auf die Auffindung einer Platte mit Stempel oder Inschrift eine Prämie gesetzt war, so fand sich bei der großen Anzahl dieser vermauerten Platten keine einzige vor.
    Erwähnen möchte ich schließlich noch, daß die sorgfältig nach innen ausgeführten großen parallelen Mauern, sowie deren mutmaßliche Ueberwölbung vielleicht auf einen Abgang oder Thorweg schließen lassen könnten, allein es fand sich bis zur Fundamenttiefe weder eine Pflaster noch irgend eine Spur von Straßensohle, so daß man annehmen kann, daß es warscheinlich der mächtige Unterbau eines ebenso großen Baues gewesen sein mag.

Peisker, Bez.-Ingenieur"
Die südliche Fortsetzung dieses Baues wurde nun im Jahre 1914 bei der Kanalisierung der Straße Nr. 23 (vor Bastion Germanikus) wieder angeschnitten, allerdings, wie sich dieses aus der Breite des Grabens von etwa 1 m ergab, nur in einem ganz schmalen Streifen. Die damals gefundenen Reste sind in die Peiskersche Aufnahme eingetragen. Die Richtung der Mauerzüge ließ sich aus dem eben angegebenen Grund leider nur annähernd feststellen; hier müssen spätere Grabungen, soweit sie noch möglich sind, weitere Aufklärung bringen. Ein Teil der Mauerklötze, besonders die nach Westen hin liegenden, machten den Eindruck von freistehenden Pfeilern, bei den am östlichen Ende liegenden ließen sich auch Ecken feststellen. Das östliche Stück (a) scheint mit dem bereits 1884 freigelegten Mauerzüge (b) irgendwie in Verbindung zu stehen.
In der Art seiner Zusammensetzung stimmt das 1914 freigelegte Mauerwerk genau mit der Beschreibung und den Zeichnungen Peiskers: auch hier wieder der bekannte Ziegeldurchschuss und der felsenharte Mörtel. Eine Beobachtung möchte ich hier beifügen: das Mauerwerk des im Bereiche der Albanskirche liegenden vorkarolingischen Baues und besonders ein auf der Südseite sich ohne Verband davorlagernder Mauerklotz (s. Mainzer Ztschr. IV S. 36 und Tafel III Abb. 4 a¹) zeigte genau dieselbe Zusammensetzung; auch hier begegneten die fast quadratischen, ziemlich dunkel gebrannten Ziegel, auch hier fand sich kein Stück mit einem Stempel.
Peisker berichtet, daß in dem Mauerwerk eine Münze Konstantins gefunden wurde. Danach dürfte der Bau frühestens in die konstantinische Zeit zu setzen sein. Auf eine ziemlich späte Entstehungszeit weist auch die Verwendung römischer Inschriftsteine als Baustoff.³)
³) Die im Jahre 1884 in oder bei dem Mauerwerk unseres Baues gefundenen römischen Inschriften hat Keller im 2. Nachtrage zum Beckerschen Kataloge veröffentlicht.
Auch bei dem vorkarolingischen Baue unter der St. Albanskirche wurde dieselbe Beobachtung gemacht. über die hier vermauert gewesenen römischen Werkstücke (s. Mainzer Ztschr. VI S. 144 Sp. 2).

Auffallend ist immerhin die Tatsache, daß bei der letzten Grabung im Jahre 1914 in der Nähe des Mauerwerks verhältnismäßig wenig römisches Scherbenmaterial gefunden wurde. Die Böden von vier Sigillata-Tellern, die zutage gefördert wurden, können keinen Anhaltspunkt für die Datierung bieten, da sie möglicherweise mit dem Anschüttungsmaterial der Schönbornchen Befestigungswerke erst dorthin gekommen sein können [...].

Man hat die gewaltigen Mauerwerke mit dem Palaste des merovingischen Königs Dagobert in Zusammenhang bringen wollen. Dafür könnte sprechen : 1) die Tatsache, daß die Gegend, in der unser Bau lag, im Mittelalter den Namen Dagobertswig (Dagobertis viguas) führte (vgl. Schaab, Gesch. der Stadt Mainz I S. 407 und Schrohe, Mainz in seinen Beziehungen = Beitr. z. Gesch. der Stadt Mainz IV S. 1); 2) der Umstand, daß in geringer Entfernung von unserem Bau die Reste einer Brüstung gefunden wurden, die Lindenschmit in spätrömische oder merovingische Zeit setzt. Es sind drei gedrehte Säulen und zwei Gewände mit roh aus der Hand angearbeiteten Dreiviertelsäulen. Als Material sind römische Grabsteine verwendet (das Nähere s. Mainzer Ztschr. II S. 27 f.). Die fünf Stücke fanden sich zusammen, ein Fundumstand, der dafür sprechen dürfte, daß die Stücke nicht sehr weit von ihrem ursprünglichen Standorte verschleppt wurden.
Über die Entstehungszeit und den Zweck des Baues jetzt schon weitgehende Vermutungen auszusprechen, weiterer Grabungen, soweit diese in dem noch freien Gelände angestellt werden können, [bleibt] abzuwarten. Hoffentlich können diese recht bald und in friedlicheren Zeiten vorgenommen werden.

Quelle

Neeb, Ernst:
V.Bericht über die Vermehrung der Sammlung des Altertumsmuseums der Stadt Mainz
vom 1. April 1914 bis 1. April 1915
Mainzer Zeitschrift, Jahrgang X, Mainz 1915, Seite 74-77